LOOP, 2017

Kunstmuseum Thurgau

Kartause Ittingen

MARKUS LANDERT 

AUF DER SUCHE NACH 

 

Auf den ersten Blick scheint LOOP von Bildstein | Glatz auf der Wiese vor dem ehemaligen Kartäuserkloster am falschen Platz zu stehen. Was hat diese farbenfrohe Schleife mit ihren unübersehbaren Anklängen an Pop- und Funästhetik in der direkten Nachbarschaft eines Gebäudekomplexes zu suchen, der wie kaum ein anderer Ort für die spirituelle Konzentration und ein geordnetes Leben steht? In der Kartause Ittingen lebte über Jahrhunderte eine Mönchsgemeinschaft, die in absoluter Weltabgeschiedenheit ihren Weg zu Gott suchte. Das streng geregelte Leben der Kartäuser, abgehoben von den Banalitäten des Alltags, konzentrierte sich ganz auf das spirituelle Ziel, Gott näher zu kommen. In angepasster Form dient diese Tradition der Konzentration in der Stille bis in die Gegenwart als Leitlinie des heute betriebenen Seminarzentrums in der Klosteranlage, die noch immer als ein Ort des Nachdenkens und der Sinnfindung verstanden werden will. 

 

LOOP von Bildstein | Glatz spricht da eine ganz andere Sprache. Das Künstlerduo bezieht sich auf die Welt des Sports, der Bewegung, der rasanten Akti- vität. Die Idee der waghalsigen Rennbahn ist aktuellen Funsportarten wie Skate- boarden, BMX-Radfahren oder dem Autorennsport geschuldet. Die Bemalung des Runds, der effekthascherische Sternenhintergrund und die schreierische Selbstbe- nennung LOOPTHELOOPTHE finden ihre Vorbilder in der Street-Art, aber auch in der farbenfrohen Ästhetik von Massenveranstaltungen wie der Streetparade. Alle diese Bezugsfelder widersprechen den Grundwerten der Kartäuser gründlich und grundsätzlich. Im Sport stehen nicht selten hedonistische Selbstdarstellung und schnelles Vergnügen, rascher Konsum und massentaugliche Verwertbarkeit im Vordergrund, während sich bei den Kartäusern der Sinn des Lebens durch Selbst- genügsamkeit, den Rückzug in die Einsamkeit und das Aufgehen im Gottesdienst erfüllte. 

 

Und dennoch steht die Schleife vor dem Kloster, und sie macht sich da gar nicht so schlecht, weil sich – auf den zweiten Blick – aus diesen eigentlich un- vereinbaren Gegensätzen doch plötzlich erstaunliche Erkenntnisse ergeben. So ist zuerst einmal festzuhalten, dass der Sport in all seinen Ausprägungen heute längst viel mehr ist als ein Freizeitvergnügen oder eine Strategie zur Körperertüchtigung. Sport ist in der postmodernen Gesellschaft eine prägende Sinnstiftungsaktivität. Was in der vormodernen Zeit die Religion an Sinnstiftung anbot, das wird heute oftmals durch den Sport abgedeckt. Das Kloster als Ort einer elitären Suche nach Werten und Lebensformen ist durch das Trainingscamp für Spitzen- und Breiten- sportler abgelöst. 

Die Menschen versammeln sich am Wochenende nicht mehr in der Kathedrale, sondern im Stadion (oder vor den TV-Bildschirmen) zur sonntäglichen Erbauung. 

 

AUF DER SUCHE NACH DEM SINN

Sport ist in der heutigen Gesellschaft ein allumfassendes Sinnstiftungs- instrument, das alle Bereiche des Lebens der Konsumgesellschaft durchdringt. Selbst wer sich nicht für Sport interessiert, kommt nicht umhin, sich den Werten des Sports zu beugen. Denn der sportliche Körper ist der gesunde Körper, ist der schöne Körper, was schnell und gerne unter einer verkürzenden Fehlinterpretation des Spruchs mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) des römischen Dichters JuvenalI auch gleich noch auf den Geist und Intel- lekt ausgeweitet wird. Wer sich sportlicher Betätigung entzieht, kann auch geistig nicht auf der Höhe sein. Wer sich nicht bewegt, bleibt dumm. So ist der Name des japanischen Sportschuhherstellers asics ein Akronym von anima sana in corpore sano (eine gesunde Seele in einem gesunden Körper), was uns Konsumenten ver- mittelt: Geh hin und kauf den Schuh, mit dem du laufen kannst, damit deine Seele gesunde – laufen statt beten. 

Der existenzielle Anspruch des Sports zeigt sich besonders bei Leistungs-, Extrem- und Risikosportarten. Hier geht es darum, die körperlichen und psychischen Leistungsgrenzen zu überschreiten, Grenzen zu verschieben, Rekorde zu brechen. Die Idee des gesunden Körpers wird durch jene des leistungsbereiten und -optimier- ten Körpers ersetzt. Ehrgeiz und Leistungswillen lassen diese Menschen am Limit und darüber hinaus agieren. Der Sport wird zum Ort der extremen Selbsterfahrung. Spitzensportler werden zu Showstars mit Vorbildcharakter. Sie sind gleichsam die Heiligen und Märtyrer der heutigen Gesellschaft. Als Werteträger der postmodernen Konsumwelt verkörpern sie modellhaft die Heilsbotschaft dieser Gemeinschaft. Sei ganz Körper, ganz Leistung, und du bist auch Geist. 

 

Um Teil dieser Wertegemeinschaft zu werden, ist es nicht unbedingt notwendig, selber Leistungs- oder Extremsport zu betreiben. Partizipation an der Sportgemeinschaft lässt sich auch durch Konsum erreichen. Eigentlich genügt es schon, die Sneakers mit dem richtigen Logo zu tragen, um mit dabei zu sein. Sich selbst abzumühen, ist nicht nötig: einkaufen statt beten. Die Massenmedien stellen dabei das verbindende Element zwischen dem Einzelsportler, der ganz bei sich selbst ist, und der Masse her. Denn spätestens seit Leni Riefenstahl, also seit den 1930er-Jahren, agieren die Sportler immer auch für das Kameraauge. Sport- wettkämpfe sind Rituale, in denen die Helden und Märtyrer mit dem Publikum verschmelzen. Die Inszenierungen solcher Performances sind aufwendig und raffi- niert gestaltet. Mithilfe von Fahnen, Kleidung, Uniformen, Gesten und ritualisierten Aktivitäten werden die gemeinschaftlichen Werte erlebnishaft erfahrbar gemacht, wobei die gemessene und belegte Leistung zum Schlüsselwert der Gemeinschaft erhoben wird. Durch die Inszenierung für die Masse im Stadion oder in den Medien erfährt die modellhaft erbrachte Leistung eines Einzelnen jene Resonanz, die sie zum allumfassenden, gemeinschaftlichen Wert macht, der bis in die abgeschie- densten Winkel Wirkung entfaltet. So bekennt sich der Jogger, selbst wenn er allein durch den Wald rennt, durch das Tragen der Sportkleidung zur Massenbewegung der sportlich Ertüchtigten, wird Teil jener Wertegemeinschaft, die im Alltag durch Werbung und Massenmedien allgegenwärtig beschworen wird. 

I Zur Fehlinterpretation des Spruchs vgl: http://www.zeit.de/1982/33/tratschkes-lexikon-fuer-besserwesser [Zugriff: 2.12.2017] 

 

Bildstein | Glatz beziehen sich in ihrem Schaffen immer wieder explizit auf Extremsport und Spassgesellschaft. Sie betreiben selbst aktiv Extremkletterei, laufen Marathon und nehmen an illegalen Radrennen teil, wodurch sie scheinbar mit Leichtigkeit das gespannte Verhältnis zwischen der Vita activa des Sports und der Vita contemplativa des Geistes überwinden. In ihrem Schaffen finden sich denn auch mehrfach Hinweise auf ihre sportliche Betätigung. Scheinbar bruch- los nehmen sie in ihren Projekten Elemente der Formensprache aus Sport- und Erlebniswelten auf und überführen diese in den Kunstkontext etwa dann, wenn sie im Feldkircher Palais Liechtenstein eine befahrbare Fahrrad-Rennbahn einbauen und als Vermittlungsaktivität ein fulminantes Spektakel in Form eines Radrennens inszenieren. „Bazz, all for one“, schreien die beiden begeistert und laden uns ein, mitzuschreien. Oder sie beteiligen sich im Wiener Museumsquartier am Bau einer Minigolfanlage der etwas anderen Art, in der Freizeiterlebnis und Kunsterfahrung zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. In den Bereich der Extremerfahrung stossen Bildstein | Glatz mit ihren Arbeiten über den Stuntman Brutus vor, für den sie das Raketengefährt Jacqueline 3 bauen, das dann vermittels Startrampe, Umlenker und Zielfeld auf einen Überflug der Stadt Feldkirch geschickt wird. Mit Brutus B. sind Bildstein | Glatz endgültig in der Testosteron-geschwängerten Leistungsmystik von Red-Bull-Veranstaltungen angekommen. Die Red-Bull-Sport- philosophie wird befeuert durch die Überhöhung der maximalen Leistung: Nur die Besten werden unsterblich – immortal. Nur die Waghalsigsten werden gefeiert. Nur die Herausragenden erhalten die Aufmerksamkeit der Massen. Personen wie der am Himalaya abgestürzte Extrembergsteiger Ueli Steck oder der Abfahrer Max Burkhart, der erst 17-jährig bei einem Trainingslauf zu Tode kam, werden zu den Märtyrern einer Gesellschaft, die die Höchstleistung über alles andere stellt.

 

SO TUN ALS OB ODER VON DER SINNLOSIGKEIT DES SINNS 

Nun aber, und das ist nicht unwesentlich, handelt es sich bei LOOP von Bildstein | Glatz überhaupt nicht um ein Sportgerät oder eine Sportinfrastruktur. Es handelt sich um ein Kunstwerk, um eine Installation oder eine Plastik. Da steht dieses Riesending auf der Klosterwiese und tut nur so, als ob es ein benutzbares Sportgerät wäre, und eigentlich ist auch klar, dass es sich auch bei den Geräten für Brutus B. nur um fiktive Artefakte handelt, die lediglich so tun als ob. Die nicht zufällig im Kunstkontext gezeigten Objekte verweigern sich der Funktion, auf die ihre Form verweist. Sie sind absurd, weil sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, ja, weil bei näherem Hinsehen selbst schon diese Aufgabe sinnlos ist. Es handelt sich bei den Objekten von Bildstein | Glatz um „ästhetische Phänomene“, deren Funktion es ist, auf sich selber und ihre Inszeniertheit zu verweisen. Schaut her, ich bin ein Sport- gerät! Und gleich darauf: Schaut besser hin, ich bin kein Sportgerät! Ich tu nur so, als ob ich es wäre. Ich bin ein Ding, das so tut, als ob es eine bestimmte Funktion habe. Und in dem „so tun als ob“ liegt meine eigentliche Bedeutung. 

 

Mit diesem „so tun als ob“ stehen die Arbeiten von Bildstein | Glatz in einer langen Tradition der Kunst. Landschaftsbilder tun auch so, als ob sie einen Blick in die Natur freigäben. Porträts tun so, als wenn die Betreffenden anwesend wären, und nicht zuletzt sind auch viele Artefakte in Museen nichts anderes als Objekte, die ihre ursprüngliche Funktion in religiösen Ritualen verloren haben und die in den Abstellkammern der Gesellschaft nur noch auf verlorengegangene Bedeutungen und Sinnzusammenhänge verweisen. 

 

Mit dem „so tun als ob“ gehen ein Verlust und ein Gewinn einher. Ganz offensichtlich sind die Objekte von Bildstein | Glatz als Sportgeräte, als wissen- schaftliche Versuchsanlagen oder als Katalysatoren der Leistungsgesellschaft nicht brauchbar. Als absurde Zerrbilder der Rituale der Leistungsgesellschaft öffnen sie dafür die Möglichkeit einer Reflexion über das Funktionieren und den gesellschaft- lichen Sinn solcher Aktivitäten. Da LOOP sich ganz um sich selbst dreht und die Bewegung in ihm immer wieder zum gleichen Punkt zurückführt, verspricht er kaum mehr Sinn als ein Rundstreckenrennen oder das Erreichen eines Berggipfels, von wo aus es nur wieder ins Tal hinuntergehen kann. Vom Sport unterscheidet sich die Kunst von Bildstein | Glatz lediglich dadurch, dass sie zur Sinnfreiheit der Absurdität steht und uns so in eine Auseinandersetzung mit dem Zwang zum Sinn verwickelt, ganz ohne körperliche Anstrengung.  

 

 

Das Kunstmuseum Thurgau dankt allen 

Beteiligten herzlich: 

 

Roland Adlassnigg · Patrick Altendorfer · Alios Berchtold

Harald Berchtold · Manfred Berchtold · Winfried Berchtold

Anna Maria Bildstein · Matthias Bildstein · Adrian Dürrwang · Uwe Fuchs

Philippe Glatz · Harald Hinderegger · Markus Kramer

Matthias Krinzinger · Gianni Kuhn · Annemarie Lackner

Patrik Leitner · Levi Ruben · Sandy Ruben

Stefan Schenk · Christian Suter · Marcel Summer

Andre Sohm · Peter und Christa Thomas · Günther Vogel

Tim Wandelt · Denny Kugland 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Heim und Werkbetriebs

Team Stiftung Kartause Ittingen

u.w.

 

 

 

Konstruktionsentwicklung:

Marcel Summer, White True Innovation

a brand of Marte and Marte LTD

 

Bauherr:

Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen